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Call for Papers: „Alte Technologien“ (ÖGS-Kongress Salzburg, 26.-28.09.2019)

Die ist ein Call for Papers der Sektion Technik- und Wissenschaftssoziologie der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie für den ÖGS-Kongress „Alles im Wandel? Dynamiken und Kontinuitäten gegenwärtiger Gesellschaften“ in Salzburg, 26.-28. September 2019. Präsentationsvorschläge bitte bis spätestens 31. März 2019 im Umfang von max. 400 Wörtern/3.000 Zeichen an die beiden Organisatoren Alexander Bogner (Alexander.Bogner@uibk.ac.at) und Christoph Musik (christoph.musik@fhstp.ac.at).

„Alte Technologien. Beständigkeit, Kontinuität und Wiederbelebung von gebrauchsfertigen Technologien in der Innovationsgesellschaft“

 Die öffentlichen Diskussionen um die Beibehaltung des „altbewährten“ Diesel- und Otto Verbrennungsmotors oder auch die Renaissance der Vinyl Schallplatte und anderen analog-materiellen Technologien wie Polaroid zeigen, dass auch unter den Bedingungen einer Innovationsgesellschaft (Rammert et al. 2016), in der das „Neue“ und darüber hinaus die Disruption als eine maßgebliche Triebfeder der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung gesehen werden, das „Alte“ wieder an Bedeutung und Aufmerksamkeit gewinnt. Dabei stellte bereits der Technikhistoriker David Edgerton in seinem Buch „The Shock of the Old“ (2007) fest, dass man bei der Analyse von Technologien vor allem die spürbaren und persönlichen Effekte auf Menschen beachten sollte, anstatt sich auf „Spekulationen“, was eine (neue) Technologie kann oder in der Zukunft können wird zu beachten. Eigentlich seien es also die alten und etablierten Technologien, die in unserem Leben eine weitaus größere und wichtigere Rolle spielen würden als neue, noch in der Entwicklung befindliche Technologien, die aber vor allem in diskursiver Hinsicht eine Vormachtstellung einnehmen.

Die Wissenschafts- und Technikforschung tendierte lange Zeit dazu, sich mit der Frage nach dem Entstehen von neuen Technologien und Innovationen auseinanderzusetzen. In Abgrenzung zum technologischen Determinismus und dem linearen Model von Innovation stellten sozialkonstruktivistische Ansätze wie Social Shaping of Technology, Social Construction of Technology oder die Technikgeneseforschung fest, dass es nicht nur technische, sondern vielfältige gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Prozesse sind, die mit der Entstehung von neuen Technologien verbunden sind. Auch die Akteur-Netzwerk-Theorie legte ihr Augenmerk weniger auf die „ready made technology“, sondern auf „technology in the making“. Genau an dieser Stelle stellt sich allerdings die Frage, wie eigentlich die Grenze zwischen „gebrauchsfertig“ und „im Entstehen“ gezogen werden kann. De Laet und Mol (2000) wiesen in Bezug auf die „Zimbabwe Bush Pump“ auf die Flexibilität von gewissen technologischen Artefakten hin, die es ermöglichen, diese kontextuell auf unterschiedliche Arten und Weisen anzupassen und zu transformieren. Insofern sind gewisse Technologien immer „im Fluss“. Gleiches trifft sicherlich auch auf den Fall des Diesel- bzw. Ottomotors zu, der sich unter den Bedingungen der Klimakrise zunehmend in Verteidigung gegenüber neuen Technologien wie dem Elektromotor anpassen musste. Zwar ist es möglich, gewisse Einsparungen an C02 Ausstoß durch technologische Weiterentwicklung zu ermöglichen, die Autohersteller bedienten sich aber insbesondere illegalen Abschalteinrichtungen und Softwaremanipulationen, um die Ziele auf dem Papier gegenüber der Öffentlichkeit zu erreichen. Umso erstaunlicher sind die oftmals leidenschaftlich vorgetragenen Appelle für den weiteren Bestand dieser alten Technologie, die wohl auch mit der individuellen Sorge der raschen Entwertung des eigenen Diesel- oder Benzinautos einhergehen. Bei der Erklärung dieses Umstandes müssen sicherlich auch nationale technopolitische Identitäten (Hecht 2001) und lokale Begebenheiten von Innovation (Livingstone 2003; Suchman et al. 2008) und auch Nicht-Innovation beachtet werden.

Der Diesel- oder Ottomotor ist sicherlich nur ein Beispiel für die lange Beständigkeit einer alten Technologie. Darüber hinaus lassen sich auch im Widerspruch zur Digitalisierung Beispiele für analoge Wiederbelebungen finden, wie etwa traditionelle Handwerkstechniken (Stricken, Nähen, Craft Beer), die ihren Ausdruck in Maker- oder DIY-Bewegungen finden, oder auch die Rückkehr der Vinyl-Schallplatte.

In unserer Sektionsveranstaltung wollen wir die Rolle und Bedeutung von „alten“ Technologien in der Gesellschaft und in der Technik- und Wissenschaftssoziologie anhand von empirischen und theoretisch-konzeptuellen Beiträgen diskutieren. U.a. können dabei folgende Fragen gestellt werden:

  • Welche Beständigkeiten, Kontinuitäten und Comebacks in Bezug auf Technologien können empirisch festgestellt werden?
  • Wie können Beständigkeiten und Kontinuitäten von etablierten Technologien erklärt und beschrieben werden? Welche Auswirkungen hat dies auf die Gesellschaft und das Zusammenleben von Menschen und Technologien?
  • Welche Merkmale weisen etablierte alte Technologien auf?
  • Welche theoretischen und konzeptuellen Zugänge gibt es in der Technik- und Wissenschaftssoziologie, um diese Formen von Technologie greifbar und analysierbar zu machen? Muss man auch hier auf „alte“ Theorien und Konzepte wie etwa Ansätze der Pfadabhängigkeit und des Lock-Ins (vgl. Arthur 1989) zurückgreifen?
  • Inwiefern gestaltet sich das Verhältnis von alten und neuen Technologien? Inwiefern beeinflussen die Erfahrungen und Praktiken mit alten Technologien die Entwicklung und Auseinandersetzung mit neuen Technologien?
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