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CfP: Planung als politische Praxis

Es gibt ein großes gesellschaftliches und wissenschaftliches Interesse an räumlicher Planung und deren Mitgestaltung. Diskussionen über Bauprojekte wie Stuttgart 21, den Berliner Flughafen BER, die Elbphilharmonie in Hamburg oder die zahlreichen „Recht auf Stadt“-Initiativen verdeutlichen dies. Auch in planungstheoretischen Ansätzen wird die Konflikthaftigkeit von Planungsprozessen und -projekten vielfach festgestellt und reflektiert. Ansätze, die sich mit Formen der Kooperation beschäftigen, um die dynamische Formierung politischer Planungsfelder zu fassen, sind jedoch nicht immer hinreichend. Kulturelle und gesellschaftspolitische Steuerungsmuster werden durch die planungstheoretische Forschung nicht genügend beachtet. Dies liegt auch an der Tendenz zur affirmativen Adaption steuerungstheoretischer Modelle. Untersuchungen, die einer deduktiven Logik folgen, konzentrieren sich zumeist auf strukturelle Zusammenhänge und vermögen es so nur unzureichend, das Politische in alltäglichen Planungspraktiken zu erfassen.

Das geplante Themenheft will eine Perspektive auf Planung als politische (Alltags-)Praxis stärken. In dieser Perspektive werden Stadt- und Raumplanungsprozesse als soziale Aushandlungsfelder verstanden, die maßgeblich durch Akteursallianzen, administrative und materielle Rahmenbedingungen, alltagsweltliche und epistemologische Orientierungen sowie als (il-)legitim definierte Problemwahrnehmungen strukturiert werden. Das politische Moment der Planung beschränkt sich dabei nicht allein auf die Privilegierung einer spezifischen raumbezogenen Lösung und somit auf einen bestimmten Prozessausschnitt. Vielmehr sind jeder Planungsphase politische Entscheidungen eingeschrieben, von der Identifizierung eines ‚Problems‘ über Konflikt- und Konsensbildungsprozesse, der Zielfestlegung des Planentwurfs bis zur Umsetzung und Evaluierung. Ein Verständnis von Planung als Aushandlungsprozess distanziert sich von früheren Konzeptionen von Planung als einem technischen, rationalen und linearen Vorgang oder als konsensorientierte Interessenabwägung (vgl. Yiftachel/Huxley 2000, Purcell 2009).

In Geographie, Sozial- und Kulturwissenschaften finden sich bereits Impulse, die die Perspektive des geplanten Heftes stützen. Adam und Vonderau (2014) untersuchen beispielsweise Politiken anhand sich alltäglich vollziehender Praktiken und der dabei zu Tage tretenden Orientierungen. Demnach entstehen Politiken in Aushandlungen mit unterschiedlichen Akteuren und Umwelten. Anstelle der Annahme eines singulären politischen Feldes, zu dem sich die Planung verhält, wird die Planung selbst als ein politisches Feld unter anderen verstanden (vgl. Shore et al. 2011, Michel/Roskamm 2013). Der Blick, den wir betonen möchten, ist auf die Formierung dieses Praxisfeldes gerichtet: das Erstellen eines Bebauungsplans ist beispielsweise als politischer Prozess samt dessen Akteur_innen, Annahmen und Rahmenbedingungen zu analysieren. Die Raum- und Stadtplanung bietet also als Feld gesellschaftlicher Praxis eine Möglichkeit, soziale Auseinandersetzungen zu erforschen. Wir wollen den Blick des Weiteren auch auf die neoliberalen Verschiebungen von Verantwortlichkeiten und die damit verbundenen (alltäglichen) Herausforderungen und Grenzen räumlicher Planung lenken.

Das geplante Themenheft soll sich insbesondere, aber nicht ausschließlich, mit folgenden Fragen befassen:

–   In welche (Alltags-)Praktiken werden politische Prozesse der Planung sichtbar? Wie intervenieren Planende in (fach-)politische Themen? Welches Verständnis des eigenen Tuns und des disziplinären Ethos haben sie, mit dem sie ihre Entscheidungen legitimieren?

–   Welche Rolle spielt die Raum- und Stadtplanung innerhalb eines zeitgenössischen Governance-Regimes, in dem die Adressat_innen von Planung zunehmend ‚aktiviert´ werden? Wie lässt sich diese Rolle gouvernementalitätstheoretisch fassen?

–   Wie wirken raumbezogene, konflikthafte Aushandlungsprozesse von Planungen auf die Formate und Technologien sowie Methoden und Instrumente der Raum-/Stadtplanung zurück? Wie positionieren sich Planungsakteur_innen gegenüber zivilgesellschaftlichen Akteur_innen, und wie wird (k)eine gemeinsame Perspektive auf den problematisierten Raum entwickelt?

–   Wie lassen sich planende Verwaltungen jenseits einer Konzeptionierung als ‚starre Apparate’ fassen? Wie verändern sich derzeit administrative Logiken und Wissens­praktiken, und in welchem Verhältnis steht die planende Verwaltung zu anderen Akteur_innen?

–   Welche methodischen Herangehensweisen sind besonders geeignet, dieses Feld zu untersuchen?

Abstracts, mit Angaben zu Fragestellung, methodischem Vorgehen, Ansatz und ggf. zur empirischen Basis, erbitten wir bis 31.03.2016. Der Umfang von 300-500 Wörtern bei Abstracts sollte nicht überschritten werden. Die Artikel durchlaufen vor der Publikation ein Peer-Review-Verfahren. Die Veröffentlichung des Themenheftes ist für das Frühjahr 2017 geplant. Zusendungen als Word-Dateien an: nina.gribat@tu-berlin.de, jan.lange@hu-berlin.de, jonas.albert.mueller@hu-berlin.de

Hinweise für Autor_innen, die unbedingt beachtet werden müssen, finden sich unter: http://www.zeitschrift-suburban.de/sys/index.php/suburban/about/submissions#authorGuidelines

Außerdem laden wir zur Einreichung für die Rubriken „Magazin“ und „Rezensionen“ ein. In der Rubrik „Magazin“ werden Interviews, Essays, literarische Texte und andere Formate mit Bezug zum Thema des Heftes gebündelt. Rezensionen können unabhängig vom Thema des Heftes eingereicht werden. Zusendungen bitte an: nina.gribat@tu-berlin.de, jan.lange@hu-berlin.de, jonas.albert.mueller@hu-berlin.de

 

Referenzen:

Adam, Jens/Vonderau, Asta (Hg.) (2014): Formationen des Politischen. Anthropologie politischer Felder. Bielefeld: transcript.

Michel, Boris/Roskamm, Nikolai (2013): Einführung: Die postpolitische Stadt. sub\urban, 2/2013, S. 9-16.

Purcell, Mark (2009): Resisting Neoliberalization. Communicative Planning or Counter-Hegemonic Movements? Planning Theory, 8, 2, S. 140-165.

Shore, Chris/Wright, Susan/Però, Davide (Hg.) (2011): Policy Worlds. Anthropology and the Contemporary Analysis of Power. New York: Berghahn.

Yiftachel, Oren/Huxley, Margo (2000): Debating dominance and relevance: Notes on the ‘communicative turn’ in planning theory. International Journal of Urban and Regional Research, 24, 4, S. 907-913.

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